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Weit gefährlicher, als angenommen; so könnte man die halluzinogenen Wirkungen des auch in hiesigen Regionen weit verbreiteten Nachtschattengewächses „Engelstrompete“ (datura suaveolens) zusammenfassen. Erst in dieser Woche wurden sechs junge Leute aus Südhesssen nach dem „Genuss“ einer mit Engelstrompete versehenen Bowle mit starken Vergiftungserscheinungen in das Darmstädter Klinikum eingeliefert, im bayerischen Pfaffenhofen waren es sogar neun Schüler, die die Blüten gekaut hatten und auf die Intensivstation kamen.

Zufällige Ereignisse, oder steht Deutschland kurz vor dem „Erfolgsmarsch“ einer neuen Modedroge? Anzeichen dafür sieht zumindest ein Toxikologe der auch für Hessen zuständigen Mainzer Alarmzentrale für Vergiftungen. In Expertenkreisen sei es bereits seit langem bekannt, dass „Rezepte“ in Schulen und Diskotheken die Runde machten. Und dass besonders in diesen Wochen Meldungen über Vergiftungen die Runde machen, liege an der Blütezeit der Nachtschattengewächse, so der Toxikologe gegenüber dieser Zeitung. „Die Pflanzen stehen jetzt vor der Blüte. Da hat die Engelstrompete den meisten Saft und damit die höchste Wirksamkeit.“ In den einschlägigen kursieren, so der Experte weiter, schon seit vergangenem Jahr die Anweisungen, wie man auf einen tollen Trip kommen kann, ohne den Geldbeutel zu strapazieren: „Mit natürlichen Drogen aus Nachbars Vorgarten oder aus dem Wald“. Der Vergiftungsexperte warnt weiter: „Von diesen Substanzen sollte man unbedingt die Finger lassen. Keiner kann genau sagen, wie viel wirksame Substanz in den Blüten, Blättern oder Stängeln ist. Das schwankt von Standort zu Standort enorm. Eine ungewollte Überdosierung ist vorprogrammiert“.

Und auch die Experten der Giftzentrale der Universität Bonn haben ihre Erfahrungen mit der Engelstrompete gemacht. Im dortigen Giftpflanzen-Katalog ist die schönste Gartenzier mit drei Kreuzen für die höchste Giftigkeit versehen. Das Scopolamin in allen Pflanzenteilen wirkt ähnlich wie das Schlangengift Curare, lähmt die Muskulatur. Der unter Jugendlichen und Heranwachsenden besonders beliebte Sud aus Blüten, Blättern und Stängeln ist eine „wahrhaft dämonische Mixtur“, warnen die Experten in schöner Eintracht. „Der Tod kann schon nach wenigen Schlucken eintreten“. Die Fachleute kommen zu dem Fazit, dass gerade die Engelstrompete als „Bewussteseinsdroge“ immer beliebter wrd. „Bei jeder Bewusstlosigkeit eines Patienten dieser Alterskategorie muss deshalb ab sofort an pflanzliche Drogen gedacht werden“, raten sie ihren Kollegen. Denn nur bei schneller, richtiger Hilfe bestehen Überlebenschancen.

Quelle: Sonntag-Morgenmagazin (III) - 23. Juli 2000

Weitere Informationen:

Medical Tribune 


 

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