Sie befinden sich hier: Home > Fachforum > Stoffkunde > Internetsucht
 
Sitemap
Kontakt
Wegbeschreibung
Haftungsausschluss
zuletzt aktualisiert: 26.01.2005

Virtuelle Welten – reale Suchtgefahren?

Kaum ist das Internet seinen Kinderschuhen entwachsen, werden schon Stimmen über eine potentielle Suchtgefahr dieses neuen Mediums laut. Inzwischen gibt es im Internet kursierende Fragebögen zur Selbsteinschätzung.

Problematisch erscheint, daß in der Diskussion immer nur von dem Internet die Rede ist. Dabei unterteilt sich das Internet in verschiedene Bereiche, die unter dem Aspekt eines eventuellen Suchtpotentials differenziert zu beurteilen sind.

In der öffentlichen Diskussion und dem massiven Werben für das Internet als Medium der Zukunft wird vorrangig der Teil des Internet in den Vordergrund gerückt, der der Informationssuche und -beschaffung dient, das World Wide Web (WWW). Daß der Besuch dieses Bereichs jedoch von Personen, die YOUNG als internetsüchtig klassifiziert hat, in einer neueren Untersuchung nur mit 10% angegeben wird, während die Bereiche „Chatrooms“ und "Multi-User Dungeons" (MUDs) zu 35% bzw. 28% besucht werden zeigt, daß ein eventuell suchtgefährdentes Potential unterschiedliche Bereiche des Internet unterschiedlich betrifft. Das WWW gehört dieser Untersuchung nach zu den weniger gefährdeten Bereichen.

Um zu beurteilen, ob das Internet “süchtig” machen kann, ist es hilfreich sich die wissenschaftliche Definition von Sucht anzuschauen:

”Sucht ist das zwanghafte Verlangen nach bestimmten Substanzen und/oder Verhaltensweisen, die Mißempfindungen vorübergehend lindern oder erwünschte Empfindungen auslösen, und
die konsumiert bzw. beibehalten werden, obwohl negative Konsequenzen für die eigene Person oder andere damit verbunden sind.
Heute geht man von einem Suchtbegriff aus, der über die rein stofflichen Süchte hinausgeht. Auch Tätigkeiten wie extremes Glücksspiel, Fernsehen, Essen, Arbeiten etc. können sich verselbständigen und Abhängigkeiten hervorrufen, die deutlichen Suchtcharakter haben. Die Verwendung eines erweiterten Drogen- und Suchtbegriffs spricht nicht für eine Beliebigkeit (“Alles ist Sucht”), sondern steht für die Erkenntnis, daß Sucht in erster Linie ein Ausdruck menschlicher Lebensführung (Lebensweise) ist.”

 nach: "Handbuch Sucht" Grigileit/Wenig/Hüllinghorst (Hg.) Kapitel 6.5 A8/A9 (Dezember 1993)

Folgende Symtome müssen vorhanden sein, um von Sucht zu sprechen:

  • Kontrollverlust
  • Toleranzbildung
  • Entzugserscheinungen
  • Wiederholungszwang
  • Abstinenzunfähigkeit

Versuch der Einordnung des Phänomens „Internetsucht“

  • Verhaltensstörungen, die durch wiederholte Handlungen ohne vernünftige Beweggründe gekennzeichnet sind, wie etwa das „Pathologische Glücksspiel“, stellen eine ernstzunehmende Gefahr dar. Durch sie werden die Betroffenen und/oder andere Menschen geschädigt.
  • In psychiatrischen Diagnosesystemen werden solche Störungen nicht zu den „Süchten“ im engeren Sinne gezählt, sondern unter der Kategorie „Impulskontrollstörungen“ zusammengefaßt. Manche Autoren sprechen hier allerdings auch von „stoffungebundenen Süchten“.
  • Während die Spielsucht als diagnostische Kategorie bereits etabliert ist, stellt die sogenannte Internetsucht ein neuartiges Phänomen dar, dessen Relevanz in der wissenschaftlichen Literatur noch diskutiert wird.

Kriterien für suchtähnlichen Umgang mit dem Internet

  • „Süchtige müssen die Online Dosis steigern, um das gewünschte Glücksgefühl zu erhalten,
  • sie verlieren das Zeitgefühl und bleiben länger im Internet, als sie eigentlich wollten,
  • sie wollen die Zeit im Internet reduzieren, schaffen es aber nicht,
  • sie denken zwanghaft darüber nach, was gerade im Internet passiert,
  • Beziehungen, wichtige Freundschaften, Hobbys und der Beruf werden vernachlässigt oder ganz aufgegeben,
  • Internetsüchtige verbringen weiterhin viel Zeit im Netz, obwohl sie wissen, daß dies finanzielle, berufliche oder zwischenmenschliche Probleme zur Folge haben kann.”

(Quelle: Goldberg)
Ergebnisse der Studie der Humboldt-Universität Berlin

Ab Juli 1999 wurde für die Dauer von drei Monaten die Untersuchung als Online-Erhebung im Internet mit ca. 9.000 Teilnehmern durchgeführt.
Aufgrund der Antworten bei dieser Befragung wurde ein Instrument zur Erfassung der Verhaltensauffälligkeit "Internetsucht" entwickelt. Das Instrument besteht aus fünf Subskalen zu folgenden Kriterien: Kontrollverlust, Einengung des Verhaltensraumes, Entzugserscheinungen,  Toleranzentwicklung und negative soziale Konsequenzen.

  • Anhand dieser Kriterien hat die Studie ermittelt, dass 3,18 % der Teilnehmer die problematische Verhaltensauffälligkeit "Internetsucht" aufweisen.
  • Diese Personen verbringen durchschnittlich 34 Stunden pro Woche im Internet.
  • Betroffen sind insbesondere Jugendliche: 8,2 % der Jungen und 6,0 % der Mädchen unter 18 Jahren.
  • Ebenfalls stärker betroffen sind Menschen aus niedrigeren sozialen Statusgruppen im Vergleich  zu Menschen aus höheren sozialen Statusgruppen.
  • Die "Internetsucht" ist zudem häufiger zu finden bei Personen ohne festen Lebenspartner als bei  solchen mit festem Lebenspartner. Schließlich zeigten Arbeitslose ein problematischeres Internetverhalten als Beschäftigte.
  • Die betroffenen Personen nutzen insgesamt häufiger Chat- und Kommunikationssysteme, spielen  häufiger über das Netz und beschäftigen sich stärker mit Downloads (fast ausschließlich Musik) als die nicht betroffenen Personen.

Weitere Studienergebnisse

  • Über 4 % der InternetnutzerInnen zeigen Suchtsymtome.
     (Untersuchung der Universität München 2001)
  • In den USA werden jüngsten Untersuchungen zur Folge etwa 6% der InternetnutzerInnen als abhängig eingestuft, d.h. ca. 11 Millionen Menschen
     (Kimberley Young)

Fazit: „Kann das Internet süchtig machen?“

Aus zwei Gründen ist diese Frage schwer zu beantworten:

  1. Kann der Begriff “Sucht” überhaupt für übermäßigen “Internetkonsum”  verwandt werden?
  2. Die aktuelle Datenlage ist noch nicht aussagekräftig genug.

Fest steht jedoch:

  • Fast jedes menschliche Verhalten kann unter bestimmten Umständen suchtähnlichen Charakter annehmen.
  • Nicht die neue Technologie macht süchtig, sondern das Umgehen damit. In der Persönlichkeitsstruktur der Betroffenen und der gesellschaftlichen Bewertung des Phänomens liegen wichtige Ursachen.
  • Die meisten ComputerbenutzerInnen sind nicht gefährdet, schließlich kann der weitaus größte Teil der Bevölkerung auch mit anderen Suchtmitteln z.B. Alkohol umgehen.

Forderungen

  • Vor dem Hintergrund, daß das Internet auch in Deutschland von vielen Menschen genutzt wird (z.Zt etwa 27 Millionen), muß das Phänomen “Internetsucht” unbedingt weiter erforscht werden.
  • Gleichzeitig müssen Hilfeangebote für die Menschen bereit gestellt werden, die massive Probleme im Umgang mit dem Internet haben.
  • Darüber hinaus müssen Konzepte entwickelt werden, die im Sinne von Prävention einer negativen Entwicklung entgegenwirken. 

weiterführende Links: Stichwort Internetsucht


  

 
  zurück zum Seitenanfang

© Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V., Zimmerweg 10, 60325 Frankfurt/M., Telefon 069-71376777  | Impressum | Kontakt